Da wir im Studentenwohnheim noch kein Internet haben, hier erst einmal der Bericht der letzten Tage:
Montag früh sind wir zu fünft vom 来山 aufgebrochen und mit all unserem Gepäck zur Uni marschiert. Schon nach den ersten 10 Minuten haben wir uns nach einer Dusche gesehnt, so verschwitzt waren wir.
An der Uni angekommen, hieß es erst einmal Zettel ausfüllen. Wir hatten den Eindruck, als wären wir die ersten ausländischen Studenten, so wie die sich angestellt haben. Niemand wusste so recht, wie die Adresse des Wohnheims lautet, was genau ausgefüllt werden muss und was nicht. Robert war in der Zwischenzeit auch zu uns gestoßen, so dass unsere deutsche Runde nun komplett ist.
Sehr zu unserer Freude (das ist pure Ironie) durften wir auch gleich an 高坂先生s (Kohsakas) Unterricht teilnehmen. Das ist einer unser Japanisch-Professoren. Der Typ ist total bekloppt, aber im Großen und Ganzen unterhaltsam und amüsant.
Anschließend ging es zum Mittagessen. Während des Essens haben sich alle Beteiligten vorgestellt, uns eingeschlossen (sehr praktisch, denn man konnte so gut wie nichts verstehen).
Dann mussten wir erneut Zettel ausfüllen und auch einen Fragebogen zu unseren Fähigkeiten beantworten. Wir haben uns auf 1000 Kanji geeinigt, die wir können; Robert hat sich tatsächlich nur 100 zugetraut (die müssen uns für total unterbelichtet halten).
Unseren Studentenausweis und auch den Bibliotheksausweis haben wir auch noch bekommen, ebenso wie diverse Vorlesungsverzeichnisse. Eigentlich fühlen wir uns mit dem Sprachunterricht schon gut ausgelastet, aber mal sehen, was man noch so machen kann.
Nachdem wir dann 7500円 für eine Art Haftpflichtversicherung zahlen mussten, von der uns Miyazaki nichts erzählt hat, durften wir endlich ins Studentenwohnheim.
Wir haben jeder einen Schlüssel bekommen, der nicht nur für die Zimmertür, sondern auch für die Eingangstür zuständig ist. Allerdings öffnet sich dann erst ein Kästchen und man muss einen äußerst komplizierten Zahlencode, den ich an dieser Stelle selbstverständlich nicht wiedergeben werde, eingeben, damit sich die Tür öffnet. Jeder hat auch ein eigenes Postfach, welches ebenfalls mit einem Code zu öffnen ist.
Die Zimmer sind wirklich nicht der Hit. Allerdings sind die Schränke sehr groß und bieten viel Stauraum. Das Badezimmer ist total winzig und man hat das Gefühl, als betrete man einen Wohnwagen. Ein Bett gibt es auch nicht, sondern eine Art Bettgestell mit Tatami-Matte. Außerdem gibt es noch einen Kühlschrank (sogar mit separatem Gefrierfach), ein Wägelchen für Lebensmittel etc. und einen Schreibtisch mit Lampe, Regal und Stuhl. Das war’s.
Ich habe Elkes oder Julias Bettkram geerbt und musste mir daher erst mal keinen Futon, Decke und Kissen besorgen, nur Bettwäsche.
Ach ja, wir besitzen auch ein Telefon, mit dem wir allerdings nicht telefonieren können. Irgendwie wird das Telefon-System gerade umgestellt. Angeblich kann man aber angerufen werden. Wir haben allerdings noch nicht herausgefunden, ob man direkt auf dem Zimmer angerufen werden kann, ob eingehende Anrufe vom Pförtnerbüro durchgestellt werden oder ob man vom Pförtner gerufen wird und in seinem Büro telefonieren muss. Wann das ganze sich ändern soll, konnte man uns auch nicht sagen.
Internet gibt es auch noch nicht, muss man erst beantragen, was wir selbstverständlich als erstes getan haben. Dauert ca. 2 Wochen. Klasse!!! Wir sind quasi von der Außenwelt abgeschlossen. Tolles Gefühl! Wirklich grandios!
Die Mädchenküche ist wirklich eklig, total voll gestellt und dreckig. Daher gehen wir jetzt immer hoch zu Jungs in den 5. Stock. Da steht zumindest nichts rum und ist eh nicht so viel los. Für den Herd braucht man tatsächlich noch Münzen, das ist so was von bescheuert.
Die erste Nacht konnte ich nicht so recht einschlafen, ähnlich wie die ersten sieben Nächte im Hotel. Außerdem ist hier ein Krach, viel schlimmer als zu Hause auf der Veddel. Der Kühlschrank schnurrt und die Klimaanlage, die vom Hausmeister als „ちょっとnoisy“ (ein bisschen laut) beschrieben wurde, rattert ordentlich. Daher habe ich mich entschieden, die Klimaanlage auszuschalten und stattdessen die Balkontür zu öffnen. Allerdings ist der Lärm von draußen genauso stark wie der von der Klimaanlage, aber Frischluft ist schließlich besser als die ganze Nacht die Klimaanlage anzulassen. Ungeziefer kann auch nicht herein, denn es gibt noch eine Art Fiegengitter-Balkontür.
Apropos Balkon: Ja, haben wir, sogar mit Wäscheleine und ein paar –klammern.
Tag 2: Um halb 9:00 Uhr haben wir (alle außer Mercy) uns in der Lobby getroffen, um zum Uni-Bahnhof zu fahren. Dort waren wir um 9:00 Uhr mit Kenji, einem unserer Tutoren, verabredet. Natürlich kamen wir 10 Minuten zu spät, da wir die richtige Bahn verpasst haben. Dann sind wir zum Rathaus gefahren, um uns als Ausländer registrieren zu lassen. Wir mussten wieder Papiere ausfüllen und dann 1½ Stunden warten, bis wir einen vorläufigen Wisch bekommen haben.
Weiter ging es zur Uni, wo wir Mercy und Herrn 高梨 (Takanashi) getroffen haben. 高梨 ist übrigens der tollste Prof überhaupt, super freundlich und hilfsbereit.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen mussten wir zum Unterricht „Japanisch 2B“. Da waren wieder die zwei Franzosen Sonia und Raphael, die wir schon am Tag zuvor kennen gelernt haben, und ein Haufen Chinesen und Koreaner, die unserer Ansicht nach schon so gut wie perfekt Japanisch sprechen können.
In den 90 Minuten Unterricht mussten sich alle vorstellen und erzählen, was sie in den Sommerferien gemacht haben. Erst die Asiaten, dann die Franzosen und dann wir. Als wir an der Reihe waren, wurde es erst richtig lustig. Mercy musste früher weg und hat das der Lehrerin während ihrer Selbstvorstellung gesagt und ist dann einfach abgehauen. Robert sah aus wie ein Schwuler und hat die ganze Zeit über die カタカナ-Schreibweise seines Vornamens gequatscht, bei Bento haben alle nur gelacht und man konnte nichts mehr verstehen und Malte ist nach seinem kleinen Vortag auch so schnell wie möglich wieder zurück zu seinem Platz geeilt, bevor jemand auf die Idee kommen konnte, blöde Fragen zu stellen.
Anschließend haben wir uns darum bemüht, von der Bib aus ins Internet zu kommen, dauert aber einen Tag, bis der Account frei geschaltet wird. Irgendwie klappt hier nichts auf Anhieb, alles dauert und dauert und dauert.
Ich musste dann mit 高梨 zu meinem Tutor 多和田 (Tawada). Er hat mir gesagt, zu welchen Vorlesungen ich gehen könnte, anhand meiner Nebenfächer in Deutschland und meines Schreibens an die Uni. Irgendwann meinte er aber, es würde reichen, wenn ich den Japanisch-Unterricht besuchen würde und dann könnte ich nächstes Semester immer noch andere Kurse belegen. „Erst einmal Japanisch lernen“. Ich komme mir mit meinen Kenntnissen echt schlecht vor. Das Studium in Deutschland ist echt total bescheuert aufgebaut und überhaupt nicht praxisorientiert. Ich hoffe, in drei Monaten sieht hier alles schon anders aus, aber ich bin zuversichtlich.
Um 16:00 Uhr sind wir dann nach なんば gefahren, um ein Handy zu kaufen. Das hat ganze 4 Stunden gedauert. Ich könnte da noch drei Seiten drüber schreiben, aber das interessiert euch sicher nicht. Wir haben jetzt jedenfalls alle ein Handy und auch noch alle das gleiche. Ging aber nicht anders. Eigentlich wollte ich unbedingt ein weißes Handy haben, damit es zu meinem Mac passt. Da wir aber nur die Wahl zwischen weiß und rosa metallic hatten, und sich die anderen alle für weiß entschieden haben, hab ich dann doch das rosafarbene genommen.
Um 23 Uhr war ich wieder zu Hause und hab Timo erst mal eine E-Mail per Handy geschickt, wie es in Japan üblich ist. Nachts kam dann auch eine Antwort und seitdem fühle ich mich hier nicht mehr ganz so abgeschieden.
Morgen werde ich doch noch einen Futon kaufen, denn momentan liege ich wie auf Holz. Diese blöden Futons sind einfach so hart, aber mit zwei übereinander wird es hoffentlich weicher.
Tag 3: Am Mittwoch haben wir endlich unsere Zugangsdaten bekommen, um in der Bibliothek (die OCU-Leute nennen es lieber „Media Center“) das Internet nutzen zu können. War das ein tolles Gefühl!!!
Nach dem Mittagessen hatten wir wieder eine Doppelstunde bei 高坂先生. Er hat sich lang und breit vorgestellt und anschließend mussten das auch alle Kursteilnehmer tun. 自己紹介 Yeah!!! Haha, außer uns und den zwei Franzosen waren nur noch 3 andere im Kurs, also war das nicht so spannend.
Nach dem Unterricht sind Ronja und ich mit Mercy ein Handy kaufen gegangen und ich habe mir gleich Boxen für den Mac gekauft. So kann ich die Drei Fragezeichen noch viel besser verstehen, wenn ich im Zimmer rumwühle. Ich höre hier ständig nur Hörspiele. Erstens, weil ich Stille nicht ertragen kann und zweitens, weil ich mir so ein Stückchen Heimat nach Japan hole.
Als wir nach Hause kamen, klebte an unserer Tür ein Brief. Darin stand, dass unser Telefon nun funktionstüchtig sei (man kann aber nur angerufen werden). Natürlich hab ich Timo erst mal die Nummer gemailt und so konnten wir abends zwei Stunden lang quatschen. Das war so schön, hat mich wieder total aufgebaut. Die zwei Tage Telefonabstinenz waren furchtbar.
Toll war dann auch mein Ohropax-Erlebnis: Am Abend zuvor hatte ich die Dinger ja zum ersten Mal im Leben benutzt und war noch recht vorsichtig. Irgendwie nicht verwunderlich, dass der Krach nicht weg war. Ich hab mich dann bei den anderen Mädels erkundigt und erfahren, dass man die ruhig fest reinstecken kann. Hab ich nach dem Telefonat mit Timo dann auch ganz mutig getan und... STILLE. Wirklich, das war schon fast unheimlich. Hab ja nicht geahnt, wie wirksam Ohropax sein können.
Tag 4: Frei, keine Vorlesungen. Wir sind aber trotzdem zur Uni gefahren. Alle, außer Ronja und mir, hatten noch Termine mit Tutoren, Profs oder was auch immer und ich wollte einfach nur ins Internet.
Danach waren wir zum Mittagessen im Bib-Restaurant Westeria und ich hab da mal カツ丼 (Katsudon) probiert. Fleisch mit ein bisschen Gemüse und Ei auf Reis. War superlecker und eine Megaportion.
Anschließend waren wir im 99円-Shop, gleich bei der Uni, einkaufen und mit den Einkäufen dann nach Hause. Zum Glück habe ich dort auch Dosenfrüchte gefunden, leider aber noch keinen Dosenöffner.
Wir wollten dann auch noch zu einem 100円-Shop, von dem Elke uns geschrieben hatte. Wir sind total planlos losgezogen und haben ihn natürlich nicht gefunden. Eva, eine aus dem Orion, hat uns dann aber verraten, dass sich der Laden irgendwo im Obergeschoss des Supermarkts befindet.
Zurück im Orion wollte der Hausmeister ein Passbild von uns haben. Der hatte sogar schon unsere Namen drauf. Manno! Wofür das Bild braucht, hat er nicht verraten.
Irgendwie hat uns Eva dann auch dazu gekriegt, uns mit ihr zu verabreden. Sie hat mit Elke zusammen wohl immer Alkohol getrunken und sie hat auch noch was da, was sie nun mit uns trinken möchte. Da wir sie am Tag zuvor schon mal abgewiesen hatten, haben wir ihr nun zugestimmt. Wir waren echt baff, als sie mit sieben oder acht Flaschen ankam: Campari, Wodka, Wein, Sake aus Okinawa usw. Es war dann aber auch recht lustig.
Ach ja, Robert hat das Gelage abends verpasst. Er hat sich nämlich an der Uni nach einem Sportkurs erkundigt und sollte dann gleich drei Stunden mitrainieren...